Schiffswerft Rechlin

Vom Ackergerät zum Freifallboot

1948-1965

Nach der Freigabe eines Teilareals der ehemaligen Erprobungsstelle am Ufer der Müritz wurde am 18. Juni 1948 die Schiffswerft Rechlin gegründet. Man begann mit ersten Reparaturen an Binnenschiffen und der Herstellung landwirtschaftlicher Geräte wie Pflüge und Eggen. Um das Anlegen von Binnenschiffen zur erleichtern, wurde bereits im Frühjahr 1949 eine Slipanlage fertiggestellt. Erst im Juli 1952 begann man mit der Errichtung eines eigenen „Schnürboden“ – der Grundlage für die damalige Schablonenherstellung und Eigenfertigung von Booten. Durch die Auflösung einer Bootswerft in Altwarp zogen damalige Bootsbauer mit ihren Familien vom Stettiner Haff an die Müritz und fanden hier Arbeit. Am 1. Mai 1958 begann die Umstellung der Produktion auf Leichtmetall und die Herstellung der ersten Rettungsboote für den Schiffbau. Bereits 1960 erforderte die Menge an herzustellenden Rettungsbooten den Übergang zur Taktstraßenfertigung und von der bisherigen Nietbauweise zum Schutzgasschweißen. 1963 galt die Schiffswerft Rechlin als Spezialbetrieb für die Herstellung von Rettungsbooten. Parallel wurden über 6500 Mittelbehälter für die Deutsche Reichsbahn in Aluminium gefertigt.

1966-1982

Schon 1966 – die Herstellung in glasfaserverstärktem Kunststoff befand sich weltweit noch in den Kinderschuhen – begann man in Rechlin mit der Vorbereitung zum Bau von Rettungsbooten aus GUP (Glasfaserverstärkte ungesättigte Polyesterharze) – später GFP (Glasfaserverstärkte Polyesterharze) oder GfK. Freiwerde Kapazitäten im Aluminiumboot- und Behälterbau wurden1967 mit ersten militärischen Aufträgen gefüllt. So wurde das Objekt 066 als Grenzschutzboot aber auch als Vermessungsboot auf der Werft konstruiert, hergestellt und ausgeliefert. Später wurde dieser Typ durch den aus Glasfaser bestehenden Typ 075 abgelöst, der in den Folgejahren auch in Partnerländer Europas und Afrikas exportiert wurde. Andere militärische Kleinboote wie das RuSB (Rüst- und Sturmboot wurde ebenfalls in großer Anzahl in Rechlin für die Armee hergestellt. Im gleichen Jahr wurden auf der Werft die 5-Tage Woche eingeführt, die Lehrlingsausbildung begann und neue Teilanlagen für die Erzeugung von Azetylen, die Verzinkerei und eine Holztrocknungskammer entstanden. 1969 wurden 43 werfteigene Neubauwohnungen fertiggestellt. 1970 wurde zunächst die erste Großhalle für die GFP Produktion in Betrieb genommen, gefolgt von einer baugleichen Halle 1972, die später zu einer Metallbauhalle umfunktioniert wurde. Ab 1974 wurden nach 3 jähriger Erprobung unter der Bezeichnung 131 die die kompletten Rümpfe mit Aufbauten der kleinen Torpedoschnellboote KTS in Rechlin aus Aluminium gefertigt, bevor sie dann in der Peenewerft Wolgast motorisiert und ausgerüstet wurden. Der Landtransport des fast 19m langen und 4.42m breiten Bootes war jedes Mal eine Herausforderung. Das am besten erhalten gebliebene Boot von nur noch vier Stück der Serie steht dank auch des Engagements der „KTS-Gemeinschaft“ in Rechliner Museum. 1983 begann dann die Entwicklung eines Minenabwehrbootes in GFP, deren Fertigung mit insgesamt 16 Schiffen der 35m Klasse 1991 beginnen sollte – die Konstruktionen waren fertig. Die Ausführung wurde mit der Wiedervereinigung gestoppt; nur die Errichtung der mächtigen Fertigungshalle – heute genutzt von einem Folienhersteller – zeugt noch von diesen Plänen. Auch als Zulieferer von Kühlanlagen für die Schiffbauindustrie wurde die Schiffswerft Rechlin bekannt. Über 4000 Rettungsboote aus Aluminium und GFP in vielen Varianten verließen den Produktionsstandort Rechlin. 1982 erfolgte die Erstabnahme eines komplett geschlossenen und selbstaufrichtenden Rettungsbootes durch die Seeberufsgenossenschaft Hamburg und schon 1 Jahr später erhielten diese neuen Rettungsboottypen  „GAL“ die Serienzulassung. Die vielen notwendigen Bauformen der unterschiedlichen Typen für die Serienfertigung entstanden in den Folgejahren bis 1988. Auch die Fischerei wurde mit Hafenbooten und der Freizeitmarkt mit über 5000 Ruderbooten des begehrten Typs „Anka“ (Anka steht dabei für Angelkahn) beliefert. Bis zu 160 dieser kleinen Ruderboote verließen die Werft jeden Monat. 1985 rüstete die Deutsche Seereederei der DDR als erste ihre Flotte mit einem Überlebensanzug aus, der heute zur Standardausrüstung auf jedem Schiff zählt. Die Wiege des ersten individuellen Rettungsmittels und seine Erfindung ist Rechlin.

1989-1996

1989 begann man mit der Entwicklung der ersten Freifallrettungsboote, die schon Anfang 1990 nach der Wiedervereinigung auf Werften von Stralsund bis Papenburg ausgeliefert wurden. Im Jahr 1990 wurde die ehemals VEB (Volkseigener Betrieb) Schiffswerft in eine GmbH umfirmiert. Leider begann auch mit der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Neuorientierung auf dem Weltmarkt der Niedergang der Schiffswerft in Rechlin. Von einst über 1200 Angestellten verblieben im Jahr 1991 nur noch 430 auf der Werft – die Arbeitslosenzahl war beträchtlich. Damit begann auch verständlicherweise der Weggang vieler qualifizierter Arbeitskräfte aus Rechlin. Auch die Übernahme 1993 durch ein Handelshaus aus Düsseldorf noch die Bildung von vier Tochtergesellschaften innerhalb der gegründeten Holding konnten die Gesamtvollstreckung und Liquidation bis 1996 aufhalten. Heute wird das Areal der ehemaligen Schiffswerft am Ufer der Müritz touristisch genutzt, wobei eigene Bootsserien des heutigen Bootscharterunternehmens noch am alten Standort teilgefertigt, ausgerüstet und repariert werden.


Ackergeräte und Sportboote

Das Produktionsprogramm der neu gegründeten Werft umfasste neben dem Bau und der Reparatur von dringend benötigten Ackergeräten, wie Pflüge, Eggen, usw. die Neuanfertigung von Sportbooten. Zu nennen sind u.a. die die über 600 Stück Einer -, Zweier-, Vierer- und Achterruderboote, die bis auf den Einsitzer nach Fremdkonstruktionen gebaut wurden.

  

  

Weiterhin trugen die Instandsetzung und der Wiederaufbau gehobener Barkassen aus dem 2.Weltkrieg zur Auslastung der damals ca. 300 Werftbeschäftigten bei. Wegen zu kleiner Schleusenmaße konnten geplante größere Fischereifahrzeuge, sowie Last- und Motorkähne nicht gebaut werden. So führte man die Produktion der Ackergeräte fort, dazu baute man Fenster und Türen. Trotzdem sank die Beschäftigtenzahl auf zunächst 150 Angestellte.

Schiffsanlagen - und Zubehör

Parallel zum Rettungsbootbau war vor allem die Herstellung schiffstechnischer Anlagen maßgebend für Gesamtumsatz der Werft. Deshalb bildete der Bereich Stahl- und Aluminiumbau eine wesentliche Produktionssäule. Zunächst wurden für die Deutsche Reichsbahn in den Jahren 1965-1969 über 6500 Stück Mischbehälter in Aluminium hergestellt. Ab 1969 wurde die Stahlproduktion um Kühlanlagen (ca. 7.000 Stück bis 1989) Lamellenverdampfer (ca. 400.000 Stück bis 1989) und Gefrierschalen (ca. 400.000 Stück bis 1989) für den Schiffbau erweitert.

  

Daneben wurden 5.200 Stück Arbeitszeltgerüste hergestellt. Später gehörten Landgänge und Fallreeps aus Aluminium genauso zum Fertigungssortiment wie Schwimmstege für die Fischerei. Passend zu den Rettungsbooten wurden Aussetzvorrichtungen und -elemente konstruiert und gebaut. Ein eigener Vorrichtungsbau war verantwortlich für Sonderanlagen sowie Produktions- und Prüfvorrichtungen. Weitere wichtige Produkte waren die Halbschalen für Rettungsinseln, Sanitärzellen für den Schiffbau, Kühlraumtüren und Lukendeckel aus Stahl.

  

  

Rettungsboote

Der Bootsbau in Rechlin nahm zweifelsfrei am bedeutsamsten. Über 4000 Boote vom Dinghi bis zum größeren Motorboot ohne die eigentliche Rettungsbootfertigung wurden an der Müritz auf Kiel gelegt. Alle Rettungsboote für den DDR Schiffbau aber auch deren Handelspartner kamen aus Rechlin. Hier hatte die Schiffswerft Rechlin das Alleinstellungsmerkmal. 648 offene Rettungsboote aus Holz und 2421 aus Aluminium in unterschiedlichen Längen und Varianten wurden bis 1980 nach Vorgaben der Großwerften aufgelegt.

  

  

1972 vollzog sich der Übergang im Rettungsbootbau vom Aluminium zum glasfaserverstärktem Kunststoff. Es blieb auch nicht mehr ausschließlich bei Rettungsbooten. Auch Motorarbeitsboote gehörten seit Anfang der 70-ziger Jahre zur Ausrüstung auf Großschiffen. Über 2000 Stück wurden schließlich bis Ende 1989 ausgeliefert.

  

  

Jedes Boot für die Großschifffahrt wurde unter den Augen der Abnahmebehörden strengstens geprüft. Dazu unterhielt die Schiffswerft unterschiedlichste Versuchs- und Prüfstände wie eine Prallwand, um den Anprall von gefierten Booten auf See zu simulieren oder große Spannportale, um die einwandfreie Auslösung der Aufhängehaken unter voller Belastung zu überprüfen. Erst wenn alle Abnahmen bei jedem Boot (es war jedesmal ein volles Tagesprogramm) von der Festigkeit bis hin zum Geschwindigkeitstest erfolgreich abgeschlossen waren, konnte es ausgeliefert werden.

  

Anfang der 80-ziger Jahre wurde mit der Einführung der komplett geschlossenen und selbstaufrichtenden Rettungsboote (Rechliner GAL-Serie) ein neues Zeitalter eingeläutet und die Sicherheit und Überlebenschance der Menschen von havarierten Schiffen auf See entscheidend verbessert. Auch hier wurden wieder unterschiedliche Typen konstruiert und gebaut.

In großen Bauformen auf Taktstraßen entstanden so innerhalb von nur 10-14 Tagen einsatzfertige hochseetüchtige Boote.

  

Kurz vor der Wiedervereinigung wurden auch auf der Rechliner Werft sogenannte Freifallrettungsboote entwickelt, serienerprobt und gefertigt. Mangels Platz an Bord großer Containerschiffe aber auch die zahlenmäßig kleineren Schiffsbesatzungen machten diesen Entwicklungsschritt erforderlich.

Militärischer Schiffbau

Mit ihrem technologischen Profil der Leichtmetall- und Plastverarbeitung wurde die Schiffswerft Rechlin in breitem Umfang in den militärischen Schiffbau einbezogen. Abnahmer waren neben der Volksmarine besonders die Grenztruppen der DDR, die Verwaltung Pionierwesen sowie die Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Der ungünstige Standort und die deshalb erforderlichen Landtransporte der fertig gestellten Boote begrenzten stark die mögliche Größe alle Projekte. Das wurde aber bewusst in Kauf genommen. Der Bau einer Lagerhalle für die Motoren der Grenzsicherungsboote Projekt 066 durch eine Pioniereinheit der NVA im November 1966 und die Finanzierung einer Fertigungshalle für die Plastkörper der Reede-MAW -Boote Projekt 415 sind Beweise dafür.

Begonnen wurde 1949 zunächst mit der Bergung, Säuberung und Konservierung des gesunkenen Torpedofangbootes aus dem Tollensesee von der ehemaligen Torpedoversuchsanstalt bei Neubrandenburg. Nach Umbauten in Stralsund zum Tauchboot wurde es Ende der 60-ziger Jahre ausgemustert. Ende der 60-ziger Jahre entstanden drei Reedeverkehrsboote aus Aluminium, aus deren Modifikation unter dem Projekt 066 mit insgesamt 116 Booten die ersten Grenzsicherungsboote bis 1973 die Werft in Rechlin verließen. Probleme bei der Beschaffung effektiver Antriebsanlagen führten zu einer zweimaligen Umgestaltung des Bootes und nach mehreren fehlgeschlagenen Entwicklungsversuchen zum Import kompletter Aggregate Volvo Penta aus Schweden. Damit trat die kuriose Situation ein, dass ausgerechnet bei einem Grenzsicherungsboot, eingesetzt an der Staatsgrenze zur BRD, westliche Antriebsmotore eingebaut wurden. Ab 1977 erfolgte die Fertigung der Grenzsicherungsboote in glasfaserverstärktem Kunststoff und zeitgemäßen schnittigen Design. Unter dem Projekt 075 wurden bis 1985 insgesamt 89 der neuen Grenzsicherungsboote fertiggestellt. Parallel dazu wurden 161 offene Rettungs- und Sicherungsboote (RuSB) für die Pioniertruppen der damaligen NVA und über 100 Tauchpontons für die GST (Gesellschaft für Sport und Technik) hergestellt. Viele der Boote waren dabei auch für den Export in die CSSR und Ungarn zur Grenzabsicherung auf der Donau bestimmt. Eine modifizierte Konstruktion des RuSB wurde ab 1990 mit insgesamt 53 Booten für den Bundesgrenzschutz und die Landespolizeien der Bundesländer ausgeliefert. Durch die Verwertungsgesellschaft des Bundes wurden viele ehemalige Grenzsicherungs- sowie Rettungs- und Sicherungsboote an das THW aber auch private Hand verkauft. Dank ihrer unverwüstlichen Bauweise sind noch viele dieser Boote bis heute im aktiven Einsatz.

Mit der Entscheidung zur Bootskörperfertigung eines bei der Peenewerft neuentwickleten "Kleinen Torpedoschnellbootes" mit zusätzlicher Zwillings MG- und Toropedobewaffnung wurden unter dem Projekt 131 zunächst 3 Versuchsmuster der "KTS-Libelle" aufgelegt. Das erste geplante Serienboot wurde nach anfänglichen Materialproblemen des Aluminiumzulieferers auch zu einem Versuchsboot deklariert. Nach erfolgreicher Erprobung 1972/73 wurden ab 1974 insgesamt 30 der knapp 19m langen Boote in vollgeschweißter Aluminiumbauweise zum weiteren Ausbau und Bewaffnung nach Wolgast ausgeliefert. Eine besondere Herausforderung war dabei jedesmal der ca. 150km lange Überlandtransport auf den damals noch sehr eng bemessenen Landstraßen und Ortsdurchfahrten.

Der Wunsch der NVA-Marine nach einem schwach magnetischem Reederäumboot führten zu gemeinsamen Planungen der Yachtwerften Berlin, Stralsund und Rechlin als Herstellungsbetrieb für den in glasfaserverstärktem Kunststoff geplanten Bootskörper. Der Endausbau sollte abermals in der Peenwerft Wolgast stattfinden. Dabei spielte die bis dahin reibungslose Zusammenarbeit zwischen Rechlin und Wolgast eine entscheidene Rolle wie auch die jahrelangen Erfahrungen in der GFP-Produktion. Zunächst wurde für die Herstellung des 35m langen Bootskörpers eine passende Halle in Rechlin errichtet, in der ab 1991 die 16 geplanten Boote hergestellt werden sollten. Durch die zunehmend
schlechter werdende wirtschaftliche Situation und weiterhin nicht beherrschbare technische Risiken wurde der geplante Serienbeginn für das Projekt (deren erste Arbeitsergebnisse bereits 1883 vorlagen) zunächst auf 1994 und später 1998 verschoben und durch die Vereinigung 1989 schließlich eingestellt.

Manfred Röseberg: Schiffe und Boote der Volksmarine der DDR, Ingo Koch Verlag in Rostock, 2002
Freizeitproduktion

Auch für den Freizeitsektor wurden von Anfang an unterschiedlichste Boote gefertigt, zunächst in Holz und später aus GFP (glasfaserverstärktes Polyesterharz). Neben den Motor- und Kajütbooten wurde auch ein motorisiertes Camping-Dinghi für den PKW Dachtransport entwickelt.

    

Erwähnenswert sind die unzähligen Ruderboote vom Typ "Anka". Schätzungsweise waren es an die 10.000 Stück, die die Werft herstellte. Auch der heute noch bei Vereinen und Segelkameradschaften sehr beliebete Segelkutter ZK-10 (für 10 Personen) wurde mit über 450 Booten in beachtlicher Stückzahl gebaut.Er diente zu DDR Zeiten bei der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) für die maritime Grundausbildung.

"Rechliner Schiffbauer - einst und jetzt 1948-1980", 1981

Öffungszeiten
April bis Oktober
täglich 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr
Ostern
Fr bis Mo 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr
Februar bis März
Mo bis Do 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr
Freitag 10:00 Uhr bis 15:00 Uhr
Letzter Einlass jeweils 30 Minuten vor Schließung. Gruppenführungen führen wir nach Anmeldung durch.
Hunde dürfen ins Museum.

Erwachsene (ab 16) 8,- €
Kinder 3,- €
Familie
(2 Erwachsene, 2 – 5 Kinder) 20,- €
Schwerbehinderte 5,- €
Hund 1,- €
Gruppen (ab 10 Personen)
Erwachsene 7,- €
Führungen 40,- €